Unsere Medientipps: Für Sie gelesen, gehört, geschaut...

Lucinda Riley, Harry Whittaker: Atlas - Die Geschichte von Pa Salt

Atlas und seine grosse Liebe Elle sind die zentralen und charismatischen Personen in diesem Buch. Die Geschichte beginnt in den unruhigen Jahren ab 1918 in Russland und umspannt die politische Situation ab den 30er-Jahren erst in Europa, schliesslich weltweit.

Dieses 800 Seiten umfassende Werk ist der Abschlussband der Schwestern-Reihe von Lucinda Riley. Aufgrund ihrer Erkrankung hat auch ihr ältester Sohn, Harry Whittaker, einen Teil geschrieben. Es ist jedoch so elegant gemacht, dass man unmöglich ausmachen kann, welcher Teil von wem ist. Es ist in jeder Hinsicht ein gewaltiges Werk: die "Sieben Schwestern" sind alle auf ihre Art inhaltlich wie sprachlich schon packend, doch nun ist der Perspektivenwechsel in diesem Abschlussband bereichernd und würdigt alles Vorangegangene. Dem Autorenteam ist es gelungen, Pa Salts - also Atlas’ Geschichte – so zu erzählen, dass alle Geschichten der Töchter in den vorangegangenen Büchern einfliessen, ohne sich jemals zu verzetteln.

Einzig die vielen Namen und damit angesprochenen Verbindungen gegen Ende des Buches können eine Herausforderung darstellen, zumal es einige Zeit her sein kann, dass man die anderen Bücher gelesen hat – wenn überhaupt.

Der Band ist ein Votum dafür, stets an das Gute im Menschen zu glauben, die Liebe und Freundlichkeit an erste Stelle zu stellen und zudem den Mut zu haben, Veränderungen zuzulassen und anzunehmen. [Karin Jungen]

Herbert Clyde Lewis: Gentleman über Bord

Von einer Neuerscheinung kann man hier nicht sprechen; das Werk des New Yorker Autors Herbert Clyde Lewis (1909-1950) ist bereits 1937 erschienen 50. Vier Romane hat er verfasst, wobei "Gentleman Overbord" sein erster war. Es ist nun auch der erste, der in deutscher Übersetzung vorliegt.

"Gentleman über Bord" sagt eigentlich schon alles. Henry Preston Standish ist auf der S.S. Arabella von Honolulu nach Balboa unterwegs, als ihm ein schwerwiegender Fehler unterläuft: Er rutscht auf einem Ölfleck aus und fällt kopfüber in den Pazifischen Ozean. Sachlich, aber keineswegs emotionslos informiert der Erzähler gleich im ersten Satz über die verdriessliche Lage Standishs. In Rückblicken, wie es überhaupt dazu kommen konnte (Standish's Reise ist nicht anderes als die Folge einer Midlife-Crisis) und in Kapiteln, die den psychischen und physischen Zustand des Unglücklichen und dessen Gedankenkarrussel beschreiben, entwickelt der Roman eine Sogwirkung und ist tragisch und komisch zugleich. Lewis' Beschreibungen der weiteren Charaktere an Bord und daheim in New York sind subtil und offenbaren Lewis' Sicht auf die amerikanische Gesellschaft der 30-er Jahre. Trotz seines Unglücks bleibt der Protagonist vor allem eines: ein Gentleman. [Andrea Grichting]

Walter Wick: ich finde was... In der Schule

Es verwundert nicht, dass der Illustrator dieses Bilderbuchs Walter Wick ein bereits mehrfach preisgekrönter Fotograf ist. "In der Schule" ist ein weiterer Titel der Reihe "Ich finde was..." und ist vom Prinzip her ein Wimmelbuch. Während heutige Wimmelbücher aber in der Regel gänzlich ohne Text auskommen und damit schon für die Kleinsten geeignet sind, spielt hier Sprache auch eine wichtige Rolle. Denn die "Suchaufträge" kommen sogar in melodiöser Form, nämlich als Reim, daher:

"Ich finde drei Würfel und einen Fuchs im schnellen Lauf, einen roten Blumentopf und eine Torte mit Kerzen drauf. Einen Drachen in der Luft, einen Elefanten auf dem Ball, ein Baby in der Wiege und Buchsgtaben - überall. Fünf Mäuse und vier Kamele, zwei Enten vorm Zan. Findest du auch den Ritter? Du mausst nur ganz genau schaun!" (S. 10/12 "Stempel-Krempel", siehe auch Titelseite)

Auf 13 Doppelseiten werden wunderbar farbige und liebevoll arrangierte Szenen dargestellt, die mit ihren Retro-Elementen auch Erwachsene begeistern und so für eine wunderbare Zeit zu zweit sorgen. [Andrea Grichting]

Daniela Kunkel: WIR alle

"Liebe auf den ersten Blick!", ist das Erste, was mir zu diesem tollen Kindersachbuch einfällt. Der Titel und das farbige, fröhliche Cover haben mich sofort angesprochen.

Ein WIR (in diesem Bilderbuch symbolisch als grünflauschiges Geschöpf gezeichnet) entsteht überall, wo wir aufeinandertreffen und Zeit miteinander verbringen. Deswegen gibt es auch ganz viele verschiedene WIR auf der Welt. Dieses wunderbare Buch erklärt anschaulich, wie ein WIR entsteht. Sehr liebevoll und offen wird darauf aufmerksam gemacht, wie unterschiedlich und vielschichtig wir sind und es aber viele Dinge gibt, die uns verbinden

Die Illustrationen sind sehr farbig, fröhlich und liebevoll gestaltet.

Ich finde, dieses Buch stärkt den eigenen Selbstwert und schafft Verständnis für Unterschiede und Gemeinsamkeiten.

Dieses (Sach-)bilderbuch ist sowohl für Kindergärten, Schulen und Familien sehr geeignet. Ich bin sicher, die verschiedenen Themen, die kindergerecht behandelt werden, können zu tollen Gesprächen anregen. Daher gerne empfohlen! [Yvonne Stalder]

Cécile Roumiguière, Benjamin Lacombe: Hexen

Welch' ein fantastisches Cover! Die Illustrationen von Lacombe überzeugen auch im Innern dieses grossformatigen Bildbands, in dem Cécile Roumiguière einerseits die bekanntsten Hexen der Menschheitsgeschichte aus allen Kontinenten porträtiert, von Lilith, der ersten Frau Adams, über Circe, die Zaubererin aus der griechischen Mytholoige oder die slawische Baba Jaga bis hin zu La Santa Muerte aus Lateinamerika. Andererseits werden die verschiedenen Attribute erklärt, die wir mit Hexen allgemeinhin assozieren: physische Merkmale wie die roten Haaren, die krumme Nase oder die betörende Stimme. Aber auch Kräuter, Rezepte, Gegenzauber sowie tierische Begleiter werden aufgezählt und auch immer wieder lustvoll illustriert. Auch das Schicksal der Hexen wird nicht ausgelassen: ob Scheiterhaufen, Folter oder Tod durch Ertränken - vermeintliche Hexen wurden gnadenlos exekutiert.

Eine überaus zeitgemässe Botschaft steckt in diesem fantasievollen Werk: Als Hexen bezeichnet wurden Frauen, die anders, wissend, rebellisch waren. Dafür mussten sie sterben. Aber solche Frauen gibt es auch heute noch. Und noch wichtiger: Genau die braucht es heute in unserer Welt. [Andrea Grichting]

Rachid Benzine: Als ich ihr Balzac vorlas. Die Geschichte meiner Mutter

Eine leise Geschichte des marokkanischen Islamologen und Politologen Rachid Benzine.

Gleich auf der ersten Seite wird das Feld definiert, auf welchem der Roman spielt: Der Ich-Erzähler, Dozent an einer katholischen Universität in Brüssel, liest seiner betagten Mutter, die Analphabetin ist, aus Balzacs Roman "Das Chagrinleder" vor. Vor diesem Hindergrund erinnert sich der mittlerweile 60-jährige Sohn an seine Kindheit und Jugendzeit. Dabei wird die Einwanderer-Familie mit ihren fünf Söhnen porträtiert: der in einer Papierfabrik arbeitende Vater, der früh verstirbt, die vier Brüder, welche sich für die ungebildete, des Französichen nicht mächtigen Mutter schämen und glauben, sie vor sich selbst zu schützen zu müssen und eben diese Mutter, die mit ihrer endlosen Güte und Grossherzigkeit den Fixstern im Leben ihres Jüngsten bildet, der sich unverheiratet ganz in ihren Dienst stellt, die immer gegeben, aber nie etwas von anderen erbeten hat.

Eine überaus menschliche Geschichte, die von der Liebe einer Mutter und der eines Sohnes erzählt. [Andrea Grichting]

Josephine Kirsch: Kreative Traumfänger

Der Traumfänger stammt aus der indigenen "Ojibwe"-Kultur Nordamerikas und soll über der Schlafstelle die bösen Träume zurückbehalten, während die guten durch das mit heiligen Gegenständen dekorierte Weidegeflecht fallen. Heute ist ein Traumfänger aber auch ein besonders beliebtes Dekoobjekt, das mit natürlichen Materialien einen hübschen Eyecatcher ergibt.

Die Kreativbloggerin Josephine Kirsch zeigt in ihren Anleitungen nicht nur klassische Traumfänger mit traditionellem Netz, sie verwendet auch die Technik des Makramee, bei dem Baumwollfäden kunstvoll verknotet werden. Einige abstrakte Traumfänger verfremden die klassische Idee des ursprünglichen Objekt noch ein bisschen mehr und beweisen , dass der Fantasie keine Grenzen gesetzt werden müssen. Die verschiedenen Modelle sind gut beschrieben und geben jeweils den Materialbedarf an. Die Schwierigkeitsgrade variieren, so dass für jedes kreative Niveau etwas dabei ist. [Andrea Grichting]

Daniel Richter: Cocktails. Shake it easy

Laue Sommerabende machen Lust auf coole Drinks. Der Bartender Daniel Richter präsentiert auf schlanken 60 Seiten nebst Rezepten auch Grundlegendes zum Mischen von Cocktails. So werden das Bar-Equipment erkläutert, die wichtigsten Cocktailgläser beschrieben oder einige Tipps vom Profi gegeben. Die Rezepte selber sind gegliedert in die Kapitel "Erfrischend und leicht", "Klassiker", "Moderne Klassiker" und natürlich auch "Alkoholfrei". So begeistert der "Rubicon" (auf einer Basis aus Chartreuse, Gin und Maraschino) mit dem flambierten Rosmarin. Der "Espresso Martini" hingegen macht unschlagbar wach (kein Wunder, es stecken auch 2.5cl Espresso darin). Und nach dem Genuss eines "Ipanemas" (Maracujasaft trifft Ginger Ale) darf man sogar motorierisiert in den Sonnenuntergang (je nach Party in den Sonnenaufgang) fahren. Cin Cin! [Andrea Grichting]

Sacha Naspini: Nives

Was für eine Offenbarung! Auf rund 150 Seiten ist jeder Satz lesenwert, die Handlung ist so einfach (sie besteht grundsätzlich aus einem nächtlichen Telefongespräch) wie überraschend. Man kann nur hoffen, dass nach "Nives" noch mehr von Sacha Naspini auf Deutsch erscheinen wird.

Nives ist nach dem Tod ihres Mannes Anteo zwar nicht sonderlich traurig, aber einsam. Sie stellt sich die Henne Giacomina ins Wohnzimmer, um die Einsamkeit zu überwinden. Als das Huhn aber wegen eines Werbespots hypnotisiert scheint, ruft Nives zu nächtlicher Stunde den Tierarzt Loriano Bottai an. Das Gespräch, das sich daraus entwickelt, nimmt überraschende Wendungen. Aufgerollt werden dabei mehr als zwei Leben, und danach nichts ist mehr, wie es einmal war.

Naspini erzählt mit Humor einen Roman, der praktisch ausschliesslich aus direkter Rede besteht und durch den rhetorischen Schlagabtausch ein rasantes Tempo entwickelt. Da Naspini auch als Drehbuchautor tätig ist, würde der Roman wohl auch gut als Fim funktionieren (und dann ein bisschen an "Wer hat Angst vor Virginia Wolfe" erinnern). Prädikat "sehr empfehlenswert". [Andrea Grichting]

Sunjeev Sahota: Das Porzellanzimmer

Der Protagonist der Rahmengeschichte ist ein junger indischstämmiger Mann aus England, der wegen seines Drogenmissbrauchs von seinen Eltern zu seinen Verwandten nach Indien geschickt wird. Dort angekommen kämpft er mit Entzugserscheinungen, muss sich aber notgedrungen mit der Situation abfinden. Er macht dabei die Bekanntschaft einer jungen Ärztin und eines ehemaligen Lehrers. Er richtet sich auf einem alten Hof ein, bringt diesen in Stand und erfährt, dass dort seine Urgrossmutter Mehar gelebt hat - im Porzellanzimmer.

Mehar ist denn auch die Hauptfigur in der Binnengeschichte. Sie wird schon als kleines Mädchen ihrem zukünftigen Ehemann versprochen, den sie dann auch tatsächlich Jahre später heiraten muss. Aber auch nach der Heirat bekommt sie ihn ebenso wenig zu Gesicht, wie ihren beiden Schwägerinnen ihre Männer. Sie leben mit der dominierenden Schwiegermutter zusammen, welche sie für den Beischlaf und damit zur Sicherung eines Nachkommens abwechslend in das verdunkelte Porzellanzimmer weist. Während sich die drei jungen Frauen erst noch interessiert fragen, welcher der drei Männer wohl ihr Mann ist, nimmt das Unheil seinen Gang.

Sahota verarbeitet in diesem Roman zeitweise seine eigene Familiengeschichte und nimmt uns mit in ein traditionsreiches Indien, das vor allem Frauen wenig Selbstbestimmung ermöglicht. [Andrea Grichting]

Frida Skybäck: Das Verschwinden der Linnea Arvidsson

Wer Thriller mag, aber gut auf allzu blutrünstige Beschreibungen verzichten kann, wird mit Spannung das vorliegende Buch lesen. Die Zurückhaltung der schwedischen Autorin mag daran liegen, dass sie davor "Feel-Good-Romane" sowie eine historische Romantrilogie verfasst hat.

Die Geschichte um Linnea Arvidsson wird grösstenteils aus der Perspektive anderer geschrieben. Die ersten hundert Seiten sind Lydia und der Familiengeschichte gewidmet. Ihre Eltern sind aus dem ehemaligen Jugoslawien nach Schweden ausgewandert, um dort ein gutes Leben führen zu können. Doch alle Luftschlösser zerplatzen, als die Mutter an Krebs stirbt, der Vater in seiner Depression versinkt und die drei Jugendlichen auf sich alleine gestellt sind. Während die älteste Tochter erst zu einer Freundin zieht und später heiratet, bleiben Lydia und ihr jüngerer Bruder Dani beim Vater. Als Dani, der schon früher in kriminellen Kreisen verkehrt hatte, erst spurlos verschwindet, um dann von der Polizei mit dem Verschwinden von der schönen Studentin Linnea Arvidsson in Verbindung gebracht wird, glaubt bald nur noch Lydia an seine Unschuld. Den Kapitel, die aus Danis und aus Linneas Persektive erzählt werden, verdankt der Roman seine Dynamik und Spannung bis zur letzten Seite.

Ein solider Roman mit nicht ganz überraschendem Ende, der aber gut unterhält und auch Themen wie Familienbande, soziale Unterschiede und die Frage thematisiert, inwiefern man sein Schicksal selber in die Hand nehmen kann. [Andrea Grichting]

 

Sebastian Fitzek: Mimik

Die Hauptfigur in diesem Psychothriller ist Hanna Herbst, Mimikresonanz-Expertin. Sie ist spezialisiert auf die geheimen Signale des menschlichen Körpers. Als Beraterin der Polizei hat sie schon etliche Gewaltverbrecher überführt. Doch jetzt wacht Hanna gefesselt und verletzt in einem Bett auf und hat keine Ahnung, wie sie dort hingekommen ist und wer sie überhaupt ist. Von ihrem Entführer, Lutz Blankenthal, wird sie gezwungen, sich ein Geständnis-Video anzusehen, in dem eine bislang unbescholtene Frau gesteht, ihre Familie umgebracht zu haben. Nur deren kleiner Sohn Paul hat überlebt. Das Problem: Die Frau in dem Video ist Hanna selber.

Was ist geschehen? Was hat Lutz Blankenthal mit ihr vor? Wieso hat er Hanna entführt?

Schon das spezielle Cover in metallener Optik sticht ins Auge und weckt die Neugierde auf den neuen Psychothriller von Sebastian Fitzek. Die Unsicherheit und die Spannung sind von Anfang an da. Im Verlauf des Buches wächst die Sympathie zur Protagonistin. Diverse mögliche andere Täter mit Geheimnissen werden im Buch vorgestellt und man ist bis zum Schluss nicht sicher, was da nun wirklich geschehen ist. Mit der fachlichen Beratung von Dirk Eilert, dem führenden Mimik- und Körpersprache-Experten im deutschsprachigen Raum, liefert der Autor wieder einen enorm gut recherchierten, hochgradig interessanten Thriller ab.

Ich habe sehr mit Hanna mitgefiebert und wollte die Wahrheit wissen, wollte erfahren was sich hinter allem verbirgt. Ich konnte das Buch kaum aus der Hand legen. [Yvonne Stalder]

Castle Freeman: Ein Mann mit vielen Talenten

Langdon Taft ist ein "Hinterwäldler" im Ruhestand, den sein ereignisloser Alltag in der Gegend von Vermont langweilt. Da erscheint ihm Dangerfield, der sich als sein Führer vorstellt, ihn fortan "Chief" nennt und mit ihm einen Pakt schliesst: Taft verfügt ab sofort und bis zu einem vereinbarten Zeitpunkt über "Begabungen, Fähigkeiten, Mittel, Kräfte, Talente eben" und kann diese wahllos einsetzen. Nach sechs Monaten soll dann nicht nur mit den besondenen Talenten Schluss sein, sondern eben auch mit allem anderen. Taft geht auf den Handel ein, auch wenn er zugibt, nicht wirklich daran zu glauben. In den folgenden Monaten nutzt er seine Möglichkeiten, wenn auch anders als Dangerfield es erwartet hat. Taft wird zu einem Robin Hood, wie dieser auch nicht immer politisch korrekt. Dangerfield wird unterhaltsam als Teil einer grösseren Firma portärtiert, der sich auch mal auf seinen CEO beruft und Arbeiten seine Teammitglieder delegiert. Das Ende ist überraschend, aber stimmig.

 

Castle Freeman zu lesen, ist ein Geschenk. Mit leichter Feder erzählt er eine so spannende wie originelle Geschichte, die stofflich an Goethes und Manns Dr. Faust und szenisch an Brechts Dramen erinnert, entsprechend einiges an Tiefe mitbringt und trotzdem unkapriziös und entspannt daherkommt. Geniale Literatur. [Andrea Grichting]

Mona Nikolay: Amsel, Drossel, tot und starr. Schrebergarten-Krimi

"Amsel, Drossel, tot und starr" ist der zweite Band einer unterhaltsamen Krimi-Reihe rund um eine Berliner Schrebergarten-Kolonie. Mitten im Geschehen ist der Privatermittler Manne Nowak mit seiner jüngere Partnerin Caro von Ribbek. Die beiden werden vom Schrebergartenvorsitzenden Schmittchen beauftragt, den Tod des Vorstandsmitglieds Maik Reuter aufzuklären, nachdem dieser verkohlt in seiner verbrannten Laube gefunden wird. Dumm, dass dieser allgemein äusserst unbeliebt in der Schrebergartenkolonie gewesen ist. Noch dümmer, dass es am Vorabend zu einem Eklat gekommen war. Die Liste der potenziellen Feinde ist endlos lang. Erschwerend hinzu kommt, dass der zuständige Kommissar Lohmeyer Nowak nicht riechen kann und an einer Zusammenarbeit nicht interessiert ist.

Die beiden Hauptfiguten Nowak und von Ribbek könnten unterschiedlicher kaum sein, was die Autorin mit pfiffigen Dialogen gekonnt in Szene setzt. Für unerwartete Wendungen ebenfalls gesorgt, so dass die Lektüre dieses Krimis für beste Unterhaltung sorgt. [Andrea Grichting]

Nevala & Karlsson: Dämmerung. Falsch. Ein Stockholm-Krimi

Das Autorenduo Tiina Nevala und Henrik Karlsson präsentieren mit "Dämmerung. Falsch." den Auftakt zu ihrer Krimireihe um die schwedische Kunstdozentin Nea Hallgren und ihre aus der Ukraine stammende Studenti Nadezha Volkova. Der Titel mutet eingangs etwas holprig an, orientiert sich aber an den Titeln des russischen Malers Ivan Botkin.

Nea Hallgren doziert an der Kunstakademie Stockholms, schlägt sich mit ihren beiden pubertierenden Teenagern herum und ist mit einem Musiker verheiratet, der kein geregeltes Einkommen hat und immer noch den Idealen seiner Jugend nachhängt. So weit so gut. Als Nea aber herausfindet, dass ihr Mann Johan massive Spielschulden hat, beginnt sie zu verstehen, dass sie und ihre Familie sich deshalb in grosser Gefahr befinden. Während ihr Mann Johan in kompletter Lethargie erstarrt, übernimmt sie das Ruder. Um ihre Liebsten zu beschützen, begibt sie sich selber in kriminelle Kreise und muss fatale Entscheidungen treffen. An ihrer Seite ist ihre begabteste Studentin Nadezha Volkova, deren Geschichte parallel dazu aufgerollt wird.

Die Handlung aus der Kunst(fälscher)szene rund um Botkins Werke, die plötzlich auftauchen und auf deren Echtheit sie Nea auf die Bitte des Polizisten Roger Forsén untersuchen soll, nimmt schnell an Fahrt auf, bleibt temporeich bis zur letzten Seite und überrascht mit unerwarteten Wenungen. Man darf sich auf den zweiten Band über die beiden starken Frauen freuen, der im Frühjahr 2023 erscheinen soll. [Andrea Grichting]

Lucy Astner: Nur Mut, kleiner Schmollmops

Wer kennt das nicht? Wenn man etwas zum ersten Mal macht, ist man aufgeregt, und es kribbelt im Bauch. So geht es auch dem kleinen Schmollmops vor seinem ersten Spielgruppentag. Mama, Papa und Oma Mops reden ihm gut zu. Seine Freunde haben viele tolle Ideen, um dem Schmollmops Mut zu machen. Aber das komische Gefühl will einfach nicht verschwinden. Wird der Spielgruppenstart am nächsten Morgen trotzdem gelingen?

In diesem schönen Mitmachbuch rund um das Thema „Mut“ gibt es viel zu entdecken. Es bietet Anregungen für den eigenen Umgang mit Ängsten. Die Illustrationen sind sehr liebevoll gestaltet, der kleine Schmollmops ist zum Knuddeln süss dargestellt. Die Texte eignen sich sehr gut zum Vorlesen und Erzählen. Ein rundum gelungenes, sehr gefühlvolles Buch, an dem sich Gross und Klein erfreuen können. [Yvonne Stalder]

Marcel Huwyler: Das goldene Taschenmesser. Der erste Fall für Eliza Rot-Schild

Für den Autor Marcel Huwyler ist es nicht der erste Krimi. Aber für seine Protagonistin Eliza Rot-Schild ist dies der erste Fall. Nachdem sie auf recht dramatische Weise ihren Unternehmer-Gatten verliert und damit ihr ganzes Hab und Gut sowie auch ihr Zuhause, muss sich die elegante und luxusverwöhnte Mitfünzigerin neu erfinden. Um sich weiterhin einen zumindest angenehmen Lebensstil leisten zu können, kommt sie auf kreative, nicht ganzn legale Ideen, deren Anfang ihr Nachname bildet, aus dem sie Profit schöpfen will. Auf ihrem Weg begegnet sie dubiosen Gestalten (wie dem Antiquitätenhändler Brühwiler), einer hysterischen Geliebten ihres verstorbenen Mannes (die durchgeknallte Sommerhalder), einem taktvollen Taxifahrer (der sie zu ihrer Visitenkarte inspiriert) und Fabio (einem jungen Bühnenbilder mit Schlösschen). Die Geschichte von Fabio, dessen Weste alles andere als rein ist, wird ergänzend zu der von Eliza erzählt, bis die beiden gemeinsame Sache machen.

Der Krimi ist äusserst amüsant geschrieben und besticht durch Wortspiele und pfiffige Wendungen. Wer es einem Krimi auch durchgehen lässt, wenn er nicht hundertprozentig realisitisch ist, einem dafür bestens unterhält, ist mit diesem weiteren Buch vom Schweizer Erfolgsautor Huwyler bestens bedient. [Andrea Grichting]

Agota Lavoyer und Anna-Lina Balka: Ist das okay? Ein Kinderfachbuch zur Prävention von sexualisierter Gewalt

Dies ist ein wichtiges Buch, das optisch ansprechend, cool und klar daherkommt. Es lädt mit Texten und konkreten Fragen für Erwachsene und solchen für Kinder (von 6 bis 12 Jahren) zum Nachdenken und Diskutieren ein und lässt die Möglichkeit offen, dass alle alles lesen oder dass sich der Zugang zu den Fragestellungen mit dem Alter verändern wird. Ein respektvolles Miteinander wird gefördert und dabei nicht jede Nähe verteufelt. Statt einer klassischen Buchbesprechung sollen an dieser Stelle einige Zitate den Inhalt wiedergeben.

"Ich hätte gebraucht, dass mir jemand diese Fragen stellt und sie mit mir diskutiert. Und wohl am wichtigsten wäre gewesen, wenn jemand mir gesagt hätte, dass es falsch ist, wenn mich jemand berührt, wie es mein Onkel getan hat. Ich hätte ein Buch wie dieses gebraucht." (S.5)

"Denn nichts ist für potenzielle Täter:innen abschreckender als ein Umfeld, in dem offen über Grenzverletzungen und sexualisierte Gewalt gesprochen wird." (S.7)

"Etwa jedes siebte bis achte Kind erlebt in seiner Kindheit sexualisierte Gewalt durch eine erwachsene Person. Das sind im Schnitt zwei Kinder pro Schulklasse. Trotzdem haben wir alle das Gefühl: "In meinem Umfeld passiert das nicht." Doch, es passiert." (S.10)

"Nur 3% aller Täter:innen sind Fremde" (S.28)

"Wir müssen Kindern [...] beibringen: dass sie nie Zärtlichkeiten von anderen Menschen erdulden müssen. Gleichzeitig müssen Kinder wissen, dass sie nie selbst schuld sind, wenn andere ihre Grenzen verletzen. Das sind zentrale Botschaften in der Prävention sexualisierter Gewalt." (S.35) [Andrea Grichting]

Pia Deges und Thorsten Saleina: Das grosse Räuber Hotzenplotz Koch- und Backbuch

Da sich der Räuber Hotzenplotz unbeirrt grosser Beliebtheit erfreut, hat auch dieses Koch- und Backbuch jedes Potenzial auf eine grosse Fangemeinde.

Eine schöne und gut lesbare Schrift macht den Einstieg leicht. Die kleineren und grösseren Illustrationen auf jeder Seite machen die Lektüre der Rezepte unterhaltsam. Die einleitenden Seiten bereiten die kleinen Köche und Köchinnen mit Humor bestens auf die Arbeit vor (Hände waschen, lange Räuberhaare zusammenbinden, Erwachsene als wichtige Zutat auf Lager haben), erklären, wie die Rezepte zu lesen sind und was Mengenangaben wie eine Prise bedeutet (neben Schnupftabak, versteht sich). Zeitgemäss ist der Hinweis, dass Essen wegwerfen auch für Räuber "Obermist" ist.

Die meisten Rezepte sind gesund (Brennesselsuppe für Mutige), kommen vorwiegend ohne Fleisch aus (Unkenpfannkuchen) und sehen lecker aus (scharfe Räuberkanone). Andere punkten, weil sie giftig (Knallpilz-Muffins), ungewohnt (Räuber-Käsefüsse) oder einfach lustig (Ganoven hinter Gittern) aussehen. [Andrea  Grichting]

 

Daniela Kulot: Bald bist du gesund, kleine Katze!

Dieses Bilderbuch aus dem Hause Gerstenberg eignet sich gut als Unterhaltung für ganz kleine PatientInnen. Die kranke Kätzchen wird liebevoll von ihrem Freund, dem Hund umsorgt, der schliesslich dafür sorgt, dass es bald wieder gesund ist und draussen spielen kann.

Leseanfänger können vielleicht schon mitlesen, da die Geschichte nur mit sehr wenig Text auskommt und dieser sogar in Grossbuchstaben gedruckt ist. Die Reimform hilft, ein Gespür für die Melodie der Sprache zu entwickeln. Und wer krank ist, mag sich vom Ausblick auf baldige Besserung trösten lassen. [Andrea Grichting]

Barbora Kurcova: Ein Stück Natur. Kreative Dekorationen aus Naturmaterialien für jede Woche des Jahres

Ein gut strukturiertes, schön bebildertes, nicht überladenes Bastelbuch. Es ist aufgeteilt in die vier Jahreszeiten, woraus sich 52 Dekoideen ergeben. Das Icon "Auch für Kinder" zeigt an, welche Dekoideen besonders einfach umzusetzen sind. Schön dabei ist, dass die meisten Dekorationen wirklich nachhaltig sind und grösstenteils komplett biologisch abbaubar wären (falls man sich überhaupt von ihnen trennen will). Schon im Vorwort bittet die Autorin um einen respektvollem Umgang mit den Schätzen aus der Natur und nennt drei Regeln: "Wenn das Material schon auf dem Boden liegt, nehmen Sie so viel, wie Sie wollen. Wenn es noch Leben hat, nehmen Sie so viel, wie sie brauchen. Wenn es hinter einem Zaun wächst, denken Sie nicht einmal daran!"

Besonders angetan haben es mir die Eislaterne mit in Eis konservierten Blättern, Blüten und Beeren und einem Teelicht, das bei konstanten Minustemperaturen draussen fröhlich flackert. Das Prinzip ist das Gleiche wie bei Kräutern, die man in Eiswürfeln gefrieren lässt. Toller Effekt bei kleinem Aufwand! 

Natürliches Konfetti benötigt wohl etwas Zeit, bis man genug davon hat. Da man aber nur buntes Herbstlaub und einen Locher braucht, kann man ohne schlechtes Gewissen laufend mehr davon produzieren.

Und wer sich an die Samenkugel macht, der hat nicht nur selber etwas davon, sondern erfreut auch andere, wenn daraus herrliche Wildblumen wachsen! [Andrea Grichting]

 

David Barrow: Elefant, wo bist du?

Der Engländer David Barrow hat nicht nur eine süsse Geschichte verfasst, er hat sein Bilderbuch auch gleich selber illustriert. Das Gesamtwerk ist gelungen!

Ein kleiner Junge wird von einem Elefanten zu einem Versteckspiel aufgefordert, wobei es der Elefant ist, der sich verstecken soll. Der Junge zählt auf zehn (was beim Vorlesen dank den Zahlen herrlich nachgemacht werden kann), und der Elefant versteckt sich. Auf den folgenden Doppelseiten hat sich der Dickhäuter mehr schlecht als recht versteckt, wobei ihn der Junge trotzdem nicht findet. Bestimmt sorgen die Szenen für viel Gelächter beim kleinen Publikum. Am Schluss stösst die Schildkröte dazu und schlägt eine Runde Fangen spielen vor...

Ganz selbstverständlich vermittelt die kleine Geschichte, dass man nicht immer alles perfekt machen muss, um Spass zu haben. Und vielleicht lädt die Lektüre ja dazu ein, sich auch mal wie der Elefant zu verstecken. Mama als Kleiderständer, Papa als Tisch? Das kann ja lustig werden! [Andrea Grichting]

Cornelia Achenbach: Nachtwanderung

Wir lernen die Protagonistin Ines kurz vor dem Klassentreffen kennen, das den Dreh- und Angelpunkt dieses Romans bildet. Ines ist eine berufstätige Mutter, deren vierjährige Tochter Marie ihr grösstes Glück und gleichzeitig nervernaufreibendste Herausforderung ist. Die Beziehung zu ihrem Parnter Martin ist mehr platonischer Natur und wird von Ines recht abgeklärt und leicht distanziert beschrieben. "Leben und leben lassen", scheint das Motto zu sein, das ein funktionierendes Neben-/Miteinander ermöglicht. In Rückblenden erfährt man über Ines' Jugendjahre, wobei die intensive Freundschaft zu Kirsten alles dominiert. Die beiden Mädchen teilen jedes Geheimnis, verbringen viel Zeit miteinander und scheinen jede der anderen alles zu sein. Bis hierhin wäre alles normal. Doch Achenbach betreibt keine nostalgische Schönfärberei. Denn eines Tages verschwindet Kirsten einfach und hat nichts als ein schwarzes Loch und Fragen hinterlassen. Dieser Verlust legt sich wie ein Schatten über die zweite Lebenshälfte von Ines und macht den Roman zeitweise fast zu einem Thriller.

Egal ob Achenbach ganz banale Dinge oder die chaotische Gedankenwelt einer Pubertierenden beschreibt - sie tut dies so pointiert, treffend und bildstark, dass es ein Genuss ist. Dabei bleibt ihre Sprache unprätentiös und schnörkellos. [Andrea Grichting]

Mona Kasten: Lonely Heart

«Lonely Hearts – Scarlet Luck» ist der neueste Roman von Mona Kasten. Weitere Bücher von ihr, die in der Stadtbibliothek Burgdorf erhältlich sind, sind die «Maxton Hall»-Reihe sowie die «Again»-Reihe.

«Lonely Hearts» wird abwechselnd aus der Sicht der zwei Protagonisten geschildert: von Rosie Hart und Adam Sinclair. Rosie besitzt eine eigene Show, in der sie Musiker interviewt – Adam hingegen ist Teil der erfolgreichen Band Scarlet Luck. Als Scarlet Luck zu einem Interview bei Rosie zusagen, ist das etwas ganz Besonderes für sie. Das Interview läuft aufgrund eines Missverständnisses jedoch schief und muss abgebrochen werden. Rosie wird daraufhin online heftig von den Fans der Band angegangen. Scarlet Luck, die ein Zeichen gegen Hass im Netz setzen wollen, laden Rosie deshalb zu einem ihrer Konzerte ein, um sich zu versöhnen. Daraus entwickelt sich langsam eine Freundschaft zwischen Rosie und Adam, die jedoch durch Adams Geheimnis gefährdet wird.

«Lonely Hearts» schildert die vorsichtige Annäherung zweier Menschen und behandelt einfühlsam psychische Probleme. Zudem normalisiert «Lonely Hearts» das Sprechen über mentale Gesundheit und regt zum Nachdenken über dieses Thema an. Nach Ende der Lektüre bleiben allerdings noch einige Fragen ungeklärt, insbesondere bezüglich Adams traumatischer Vergangenheit. Da «Lonely Hearts» aber der Auftakt zu einem Zweiteiler ist, werden sich diese Fragen voraussichtlich im zweiten Band klären. [Alexandra Widmer]

Malene Sølvsten: Fehu

Düster und atmosphärisch geht es weiter im zweiten Teil der Reihe «Das Flüstern der Raben» von Malene Solvsten. Mit 700 Seiten ist die Fortsetzung nur unwesentlich kürzer als der Vorgängerband.

In «Fehu» begibt sich Anne nach Hrafnheim, der Parallelwelt, in der ihre Zwillingsschwester Serén lebt. Dort will Anne ihre gefangen gehaltene Schwester suchen und den Untergang der Welt, Ragnarök, verhindern. Bei ihrer Ankunft wird Anne jedoch von gegnerischen Soldaten gefangen genommen. Nur mit Hilfe eines abtrünnigen Offiziers namens Rorik kann sie fliehen. Die beiden ziehen zusammen durch das Reich, immer auf der Hut vor den Soldaten von Ragnara. Auf dem Weg nach Sént, dem Ort, an dem Serén gefangen ist, müssen Anne und Rorik zahlreiche Gefahren überstehen. Zudem wird Anne immer noch von Visionen von ihrem eigenen Tod geplagt und muss sich fragen, ob sie diese Reise überhaupt überleben wird.

Malene Solvsten beschreibt eine faszinierende Parallelwelt, die mittelalterlich angehaucht und mit magischen Kreaturen bevölkert ist. Geschickt kombiniert sie dabei verschiedene Fantasy-Elemente und interpretiert die nordische Mythologie neu. Dazu kommen noch allerhand Geheimnisse und überraschende Enthüllungen, wie beispielsweise Ragnaras Plan, sich zu einer Gottheit zu erheben oder die Tatsache, dass sich in Annes engerem Umfeld ein Verräter befindet. All dies zusammen macht «Fehu» zu einem spannenden Leseerlebnis. [Alexandra Widmer]

Albert Camus: Die Pest

Natürlich handelt es sich bei Camus' Werk aus dem Jahre 1947 nicht um eine Neuerscheinung. Aber die Erfahrungen, welche wir alle auf unterschiedliche Art mit der noch immer aktuellen Pandemie gemacht haben, lassen uns den Roman nicht als Utopie lesen, zu der er fälschlicherweise sonst hätte mutieren können, sondern vielmehr als Prophezeihung oder doch zumindest Mahnruf. Dieses Wissen bringt uns Camus' damaligem Publikum näher, das auf Grund seiner Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus und dem zweiten Weltkrieg die Pest als Allegorie auf den Krieg verstanden hat.

Beschrieben wird der Pestverlauf in der algerischen Stadt Oran mit dem ersten Auftreten sterbender Ratten über die tödlichen Symptome bei Menschen bis hin zum Höhepunkt der Pest sowie deren Abklingen. Gezeichnet wird der Verlauf der todbringenden Krankheit über mehr als ein Jahr hinweg, wobei den Jahreszeiten eine zentrale Rolle zukommt. Obwohl einige Schicksale herausgearbeitet werden, steht vielmehr die Pest selber im Mittelpunkt und was sie mit den Menschen macht. Was aus kirchlicher Sicht - Camus lässt dazu den Pfarrer Panelous sprechen - erst als Strafe Gottes für ein lasterhaftes Leben interpretiert wird und so zu mehr gottesfürchtigen Menschen führen soll, entsetzt am Ende alle mit seiner Gleichbehandlung: wie in einem mittelalterlichen Totentanz werden wahllos auch diejenigen dahingerafft, die als besonders unschuldig und reinherzig gelten. Der Beschrieb des Krankheitsverlaufs eines Kindes steht exemplarisch dafür.

Wer den Text trotz seiner Aktualität und seines nicht gerade aufbauenden Inhalts nicht scheut, dem sei der Klassiker des Nobelpreisträgers ans Herz gelegt. [Andrea Grichting]

Tanis Gray: Magisch stricken

Dass Stricken ein Revival erfahren hat und sich wieder allseits grosser Beliebtheit erfreut, ist bekannt. Wer nun aber wirklich eine "coole Socke" (sein) will (Socken ab S. 77, Schweirigkeitsgrad mittel), kommt um das Strickbuch zu Harry Potter nicht herum.

Je nach Erfahrung kann man etwas Magisches zum Anziehen oder auch Dekoelemente wie ausgestopfte Tiere (Hedwig fehlt ebenso wenig wie Fluffy), Waschlappen oder eine Decke stricken. Da hilft es, dass im Inhaltsverzeichnis der Schweregrad der jeweiligen Arbeit mit bis zu fünf Blitzen (die natürlich an Harrys Narbe erinnern) gekennzeichnet ist. Die Pullover, Jacken, Schals oder Handschuhe kommen in den bekannten Farben daher, wobei man sich natürlich im Vorfeld für die Hausfarben von Ravenclaw, Slytherin, Hufflepuff oder Gryffindor entscheiden kann. Bestimmt kann man auch einem nicht so strickfreudigen Harry-Potter-Fan viel Freude bereiten, wenn man ihm die Strickarbeit als Geschenk übergibt. [Andrea Grichting]

Patricia Moffett, Clare Baggaley: Wände gestalten in 3D

Die 14 Ideen, welche hier vorgeschlagen werden, haben zum Ziel, die eigenen vier Wände kreativ zu verschönern. Die verschiedenen Techniken sind für unterschiedliche Niveaus geeignet, wobei etwas Fingerfertigkeit und gewisse Vorkenntnisse Grundvoraussetzungen sind. Die Beispiele reichen von "Falten und Schneiden", über "3D-Fundobjekte", "Abformen und Sägen" bis zu "Aufkleben" und "Wände bemalen". Die Resultate können sich sehen lassen und wirken richtig professionell.

Schritt-für-Schritt-Anleitungen, Material-Listen sowie Vorlagen erleichtern den Einstieg und lassen aber auch bewusst Spielraum für eigene Ideen zu.

Unsere Favoriten? Die fliegenden Papageien eignen sich bestens als Einsteiger-Projekt und sind gleichzeitig sehr effektvoll (S. 14ff). Die Hirschtrophäe aus Wellpappe zieht garantiert alle Blicke auf sich und bedarf keiner Schrotflinte (S. 20ff)! Und der Murmelparcour aus Eisstielen macht nicht nur Kindern Spass und sieht gleichzeitig originell aus (S. 50ff). Unsere Empfehlung: Unbedingt nachmachen! [Andrea Grichting]

Hédi Fried: Fragen, die mir zum Holocaust gestellt werden

Diese Buch, das sich an Jugendliche richtet, ist nicht druckfrisch - es ist bereits im Jahr 2019 erschienen. Aber seine Autorin Hédi Fried, eine Überlebende des Holocaust, warnt so eindrücklich davor, Geschicht zu vergessen, dass es in Anbetracht der aktuellen Situation Aufmerksamheit verdient.

Hédi Fried hat als aus Rumänien stammende Jüdin gemeinsam mit ihrer Schwester den Holocaust in den Konzentrationslagern Bergen-Belsen und Auschwitz überlebt. Der Rest ihrer Familie wurde von den Nationalsozialisten unter Hitler ermordet. Das rund 150-seitige Buch besteht aus Antworten auf Fragen, die der Autorin anlässlich ihrer zahlreichen Vorträge von Kindern und Jugendlichen gestellt wurden und ist auch für ebendieses Alter verständlich geschrieben. Fried appelliert damit an die Nachwelt, den Holocaust und was dazu geführt hat, nicht zu vergessen, denn nur durch Erinnerung könne eine Wiederholung vermieden werden. Anstatt einer Zusammenfassung folgen Zitate einer Frau, die klug und reflektiert über das schier Unmögliche spricht und schreibt.

"Reaktionen auf Ungerechtigkeiten müssen erfolgen, wenn alles gerade anfängt. Sie hätten in Deutschland Anfang der Dreisigerjahre erfolgen müssen. Nur wengie Jahre danach war es zu spät." (S. 29)

"Mit mir und meiner Schwester an der Seite folgte meine Mutter der Schlange aus Frauen zu einem Stacheldrahtzaun, wo Doktor Mengele mit einer leichten Bewegung seiner Peitsche unsere Mutter nach rechts schickte und meine Schwester und mich nach links. Dies war die Nacht, in der ich meine Eltern verlor. [...] Ich konnte mich nicht von meinen Eltern verabschieden, sie kein letztes Mal umarmen." (S. 41)

"Es genügt nicht, dem Holocaust in der neunten Klasse eine oder zwei Stunden im Geschichtsunterricht zu widmen. [...] Der Holocaust ist geschehen. Wird er vergessen, dann wird er wieder geschehen." (S. 142f)

"Wenn Menschen jeder Hautfarbe, jedes Glaubens, jedes ethischen Hintergrunds und jedes Alters zusammenhalten gegen diejenigen, die nicht verstehen, wie gut wir es in unserer Demokratie haben, dann wird es uns gelingen, diese Demokratie zu bewahren." (S.146) [Andrea Grichting]

 

 

Frances Stickley: Ich kann einfach alles sein!

Der Bildband zeigt vier aufgeweckte Kinder, die beste Freunde sind. Die Zeichnungen kommen sehr farbig daher und laden mit zahlreichen liebevollen Details nicht nur zur Lektüre, sondern wie ein Wimmelbuch auch zum genauen Hinschauen ein. Während eines ganzen Tages spielen die vier Kinder drinnen wie draussen und sind mal Clown, mal Heldin, mal Erfinder, mal Ärztin. Sie haben sich dafür aus Karton eine Rakete und ein Schiff gebastelt, sich mit einem Zauberumhang oder als Dinosauerier verkleidet, machen sich dabei tüchtig schmutzig, gehen dafür am Abend aber auch gutgelaunt in die Wanne. Zum Abschluss werden sie daheim von ihren Eltern geknuddelt und dürfen glücklich einschlafen. 

Die vier Figuren stehen für mutige Kinder, die kreativ zusammen spielen. Kinder, welche die Geschichte vorgelesen bekommen, haben bestimmt Lust, es ihnen nachzutun! [Andrea Grichting]

 

 

Tom Percival: Ganz normal, oder?

Der kleine Norman ist ein ganz normaler Junge, bis ihm eines Tages Flügel wachsen. Diese sind anfangs ganz wunderbar. Doch ihm wird bewusst, dass er mit Flügeln eben nicht mehr normal ist und aus der Reihe fällt. Das Anderssein ist ihm aber unheimlich, so dass er die Flügel mit einer Jacke zu verstecken versucht. Natürlich ergeben sich daraus auch "unnormale" Situationen, Norman grenzt sich aus und wird ausgegrenzt. Zum Glück begreift er am Schluss, dass er sich und seine Flügel nicht verstecken muss und "dass es so etwas wie ganz vormal überhaupt nicht gab".

Der Bildband aus "Die Reihe der starken Gefühle" soll Kinder dazu animieren, sich so zu nehmen, wie sie sind. Und bestenfalls gelingt es Kindern nach der Lektüre vielleicht ja auch, andere so zu nehmen, wie sie sind... [Andrea Grichting]

Danielle Graf: Maxi, beeil dich!

Ein Pappbilderbuch für die Kleinsten mit einer tollen Botschaft! Maxi kommt am Morgen einfach nicht in die Gänge. Während sein Vater ihn etappenweise durch die Morgenroutine schubst (aufwachen, aufstehen, frühstücken, Zähne putzen, anziehen), sieht man Maxis Sichtweise. Nach dem Aufstehen ist ihm viel zu kalt, es ist dabei viel zu hell, die Kleider sind ihm viel zu kratzig. Und wenn er dann endlich bereit wäre, muss er "ganz dringend Pipi..."

Die Bilder machen das Bilderbuch auch für Erwachsene unterhaltsam. Die letzte Seite wendet sich mit Text ganz direkt an sie und greift den Inhalt noch einmal aus der Perspektive der Erwachsen auf: Kinder haben eine andere Wahrnehmung von Raum und Zeit und ihren "Pflichten". Wenn sie nicht immer kooperieren, sollte man das als Eltern nicht persönlich nehmen, sondern mit liebevollen Strukturen helfen. Nicht lehrmeisterhaft, sondern sympathisch! [Andrea Grichting]

Malene Solvsten: Ansuz

"Ansuz " ist der erste Band der Fantasy-Trilogie "Das Flüstern der Raben", für welche die Autorin Malene Solvsten im Jahr 2016 den dänischen Buchpreis der LeserInnen erhalten hat. Ausserdem wurde sie für dasselbe Werk im Jahr 2018 mit einem Preis des dänischen Bibliotheksverbands ausgezeichnet. Nun liegt das Buch in der deutschen Übersetzung vor.

Auf fast 800 Seiten webt die Autorin Elemente der nordischen Mythologie, ein grosses Familiengeheimnis und die Suche nach einem Mörder zu einer spannenden Geschichte zusammen. Die Geschehnisse werden aus der Perspektive der siebzehnjährigen Protagonistin Anne geschildert, welche die Fähigkeit besitzt, Visionen aus der Vergangenheit zu haben. Nacht für Nacht träumt sie, wie ein rothaariges Mädchen ermordet und mit der Rune Ansuz gezeichnet wird. Dies ist jedoch nicht das einzig Seltsame in ihrem Leben. Denn auch in der Kleinstadt in Nordjütland, wo Anne lebt, häufen sich plötzlich immer mehr mysteriöse Ereignisse. Es geschehen mehrere Mordfälle, deren Opfer ausnahmslos rothaarige Mädchen sind, welche anschliessend mit der Rune Ansuz gezeichnet werden. Aber auch all die Fremden, die auf einmal in der Kleinstadt auftauchen und mystische Fähigkeiten besitzen, stellen Anne vor ein Rätsel, auf deren Spur sie sich macht.

Sobald man sich etwas in die Geschichte eingelesen hat, liest sie sich flüssig und spannend. Aufgrund des Umfanges als auch der Themen, die im Buch angesprochen werden, eignet sich Ansuz eher für etwas ältere Jugendliche. [Alexandra Widmer]

 

Massimo Righi, Davide Terziotti, Fabio Petroni, Rimo Duca: Whisky. Geschichte und Kultur des Single Malt

Es ist kein Widerspruch zum Inhalt, dass dieser Band ein Augenschmaus ist: Die Fotografien von Fabio Petroni sind sehr geschmackvoll arrangiert und erfreuen nicht nur Whisky-LieberhaberInnen.

Wie es der Untertitel schon besagt, beschränkt sich das vorliegende Werk auf Single Malt Whisky, also auf diejenigen Sorten, welche "ausschliesslich von einer einzelnen Brennerei mit gemälzter Gerte produziert" werden. Die beiden Autoren tragen der wachsenden Beliebtheit des Whiskys Rechnung, indem sie auch auf die Art der Verköstigung, der Vermarktung mittels ansprechender Etiketten und Flaschen und die Produktion eingehen. Der Hauptteil kann als Nachschlagewerk verstanden werden, das den grossen, vorrangig schottischen Single Malts die Ehre erweist. Die Autoren zollen aber auch anderen Marken Respekt, wie sie in Japan, Taiwan, Inden oder Schweden hergestellt werden. Auf den letzten vierzig Seiten bringt sich der sizilianische Spitzenkoch Rino Duca ins Spiel. Seine kulinarischen Kreationen bestehen aus nur wenigen Zutaten, wovon natürlich eine immer ein Sigle Malt ist. Die schlichten Rezepte und verlockendnen Bilder motivieren zum Nachmachen. Es sei hiermit allen gutes Gelingen gewünscht, die es versuchen. [Andrea Grichting]

Monica Langwe: Bücher binden. 25 Buchobjekte aus Papier und Faden

Das vorliegende Werk kommt in einem schlichten, modernen Layout daher und manifestiert, dass die Kunst des Buchbindens alles andere als altmodisch und verstaubt ist. Die aus Schweden stammende Autorin Monica Langwe schöpft bei ihren Arbeiten aus dem Vollen, hat sie doch Kunst studiert und das Wissen rund ums Buchbinden in verschiedenen Weiterbildungen gefestigt.

Auf rund 100 Seiten zeigt sie Objekte, bei denen man durchaus Fingerfertigkeit und das eine oder andere Werkzeug benötigt, das man sich vielleicht erst noch besorgen muss. Dafür hat man dann an seinem eigenen Ledereinband mit origineller Fadenbingung wohl ein Leben lang seine Freude oder benutzt die ein- und mehrlagigen Hefte mit umso lieber. Dass es aber auch ohne grosse Erfahrungen und vielleicht sogar kinderleicht geht, zeigt Langwe anhand der losen Buchumschläge (wie wir es noch aus der Schule kennen), der hübschen Samentütchen, der Sternspulen für das Garn oder der zahllosen grösseren oder kleineren Schachteln.

Ein vierseitiges Glossar mit deutschen und englischen Begriffen (damit man sich in der englischen Fachliteratur besser zurechtfindet) rundet die verständlich präsentierten Anleitungen ab. [Andrea Grichting]

 

Ulrike Windsperger: Permakultur auf dem Balkon. Reiche Ernte auf kleinen Flächen - Bio-Gärtnern für zuhause

Der Begriff "Permakultur" steht für eine nachhaltige Landnutzung, die weit mehr als nur Landwirtschaft ist. Die Philisophie der Permakultur beinhaltet ganz allgemein das Verständnis von ganzheitlichen Prozessen als Kreislauf, der sich selbst erhalten soll und daher auch Architektur und Wohnen oder Gesundheit und Soziales mit einschliesst. Nicht die Quantität (eine grosse Ernte um jeden Preis) sondern ein Ertrag, der mit der Umwelt in Einklang ist und möglichst ohne Abfall und Gift auskommt, steht im Zentrum. Und obwohl der Grösse eines Areals, das nach den Richtlinien der Permakultur betrieben wird, theoretisch keine Grenzen gesetzt sind, zeigt der Ratgeber von Ulrike Windsperger, dass kein Balkon zu klein, ein Permakultur-Balkon zu sein.

Auf rund 150 Seiten wird in farblich übersichtlich gegliederten Kapiteln aufgezeigt, was alles zur Vorbereitung gehört, welche Pflanzen sich wofür eignen und was es alles beim konkreten Anbau zu bedenken gibt. Auch Nisthilfen, biologischer Pflanzenschutz oder das Wassermanagement werden erläutert. Dabei wird auch nicht verschwiegen, wovon man besser die Finger lassen sollte.

Wer sich ernsthaft mit dem Thema Permakultur auseinandersetzt, weiss, dass ein Crashkurs als Einstiegshilfe allein nicht ausreichend sein kann, denn es gilt, die komplexen Zusammenhänge und Wechselwirkungen zwischen Pflanzen, Tieren, Bodenbeschaffenheit und Klima zu verstehen. Wohl deshalb schreckt dieses Thema die grossen Player unserer Gesellschaft ab. Umso mehr kann jede/r einzelne im Kleinen etwas bewirken und den eigenen Balkon als ganzheitliches Ökosystem verstehen und zur eigenen Freude nutzen. [Andrea Grichting]

 

Kerstin Gier: Was man bei Licht nicht sehen kann

Die Bestseller-Autorin Kerstin Gier hat nach der Edelstein- und der Silber-Trilogie (die alle in der Stadtbibliothek Burgdorf ausgeliehen werden können) einen neuen Jugendroman veröffentlicht: „Was man bei Licht nicht sehen kann“. Er stellt den ersten Band der neuen Trilogie «Vergissmeinnicht» dar. Das Buch ist in gewohnt leicht-lustigem Erzählstil abwechselnd aus der Perspektive der beiden Protagonisten Quinn und Matilda geschrieben.

Quinn und Matilda sind Nachbarn, und obwohl Matilda seit Jahren eine heimliche Schwäche für Quinn hat, verstehen sie sich überhaupt nicht. Als Quinn jedoch einen unheimlichen Unfall erleidet, verändert sich auf einmal alles in seinem Leben: er muss jede Woche in Physio- und Psychotherapie gehen, seine Freunde behandeln ihn wie ein rohes Ei und er fragt sich zunehmend, ob er wahnsinnig wird. Die grösste Veränderung jedoch ist, dass Quinn plötzlich Dinge wahrzunehmen beginnt, die niemand sonst zu sehen scheint. Als er seinen Freunden davon zu erzählen beginnt, schenkt ihm niemand Glauben. Einzig in der skurrilen Matilda, die er bis dahin eigentlich nicht besonders leiden konnte, findet er jemanden, der ihm glaubt und der ihn nicht nur mitleidig behandelt. Das ungleiche Duo schliesst sich zusammen, um die magische Welt, die sich Quinn eröffnet, verstehen zu lernen.

Wer Kerstin Gier bereits kennt und fantasievolle und amüsante Geschichten mag, dürfte Gefallen an diesem Buch finden, das es auch als Hörbuch gibt. [Alexandra Widmer]

 

Jonathan Coe: Mr. Wilder & ich

Der neue Roman des preisgekrönten englischen Autors Jonathan Coe liest sich leicht und flüssig und spielt hauptsächlich im Sommer 1976, erst in Kalifornien, dann in Europa. In der Rahmengeschichte trifft die blutjunge Griechin Calista zufällig auf den alternden, weltberühmten Filmemacher Billy Wilder und erhält die einmalige Gelegenheit, ihn bei Dreharbeiten zu begleiten. Während Calista Fiktion ist, wird Wilders wahre Biografie in Rückblenden aufgerollt und mit realen Zitaten versehen. Wilders wegweisende Filme werden dabei ebenso erwähnt wie die Lebensgeschichte des Juden, deren schmerzlicher Tiefpunkt in der Flucht vor dem Nationalsozialismus und der lebenslangen Suche nach der Mutter liegt.

Dass Coe die Begebenheiten aus der weiblichen Perspektive Calistas heraus erzählt, genauer gesagt aus der Retroperspektive der mittlerweile verheirateten Musikproduzentin und Mutter zweier erwachsener Mädchen, ist gelungen und macht das Ganze leichtfüssiger. So beanspruchen Calistas Eindrücke als junge Frau im Jahre 1976 ebenso die Aufmerksamkeit der Leserinnen und Leser wie auch ihre Lebensumstände 2013, in denen sie auf das Geschehen jenes Sommers zurückblickt.

Wer Gefallen findet an Filmklassikern wie "Manche mögen's heiss", "Das Mädchen Irma la Douce", "Ariane - Liebe am Nachmittag" oder "Sabrina" und an Hollywoodstars wie Audrey Hepburn, William Holden, Jack Lemmon oder Marylin Monroe, wird das Buch mögen. Wem solche Filme zu kitschig sind und wer den Ernst des Lebens darin vermisst, mag vielleicht Wilders Einstellung dazu kennenlernen. Er sagte über sich selbst, so viel Grauen und Schrecken erlebt zu haben, dass er das nicht auch auf Film bannen wollte - seine Filme sollen unterhalten. Das Buch tut es. [Andrea Grichting]

Kai Pannen: Fehlermeldung Schule

Kai Pannen hat ein lustiges und gelungenes Kinderbuch geschrieben. Die Illustrationen und die Texte passen super gut zusammen. Der Text ist einfach zu verstehen, passend für Kinder.

Andro ist kein gewöhnlicher Junge, er ist ein Roboter. Ein Roboter, welcher eine menschliche Hülle trägt und in einer Schule eingeschleust wir, damit er die Menschen besser kennen lernen, ihre Freundschaft gewinnen und dabei nicht auffallen soll.

Andro kämpft sich durch unseren menschlichen Alltag in einer Schule mit vielen Kindern, Lehrern und einem Kantinomaten, der Essen herstellen und Frau Becker ablösen soll, damit diese in den Ruhestand gehen kann.

Aber da wären auch noch die Freundschaftspunkte von den Menschen, die er verdienen sollte. Andro erhält zwar immer wieder Pluspunkte, verliert sie jedoch auch haufenweise wieder. Dass es aber dann auch noch eine Gruppe Kinder gibt, die gegen den Kantinomaten demonstrieren, hilft Andro nicht gerade. Auch Lilly gehört in diese Gruppe. Am Anfang erhält er von ihr noch Freundschaftspunkte. Doch kommt Lilly noch auf die Spur seines Geheimnisses? Und wie viele Freundschaftspunkte hat er am Schluss gesammelt? [Tabea Elber]

Ina Westman: Heute beissen die Fische nicht

Die finnischen Schäreninseln, wo Ina Westman ihren zweiten Roman ansiedelt, kennt die in Helsinki lebende Autorin bestens, verbringt sie dort doch wie ihre Protagonistin Emma Zeit in ihrem Sommerhäuschen.

"Heute beissen die Fische nicht" ist ein handlungsarmer Roman, dessen Stille sehr gut zur Abgeschiedenheit der Inseln passt. Emma verbringt mit ihrem Mann Joel und ihrer Tochter Fanni die Sommermonate dort. Als LeserIn erfährt man eingangs, wie sich das Paar kennen und lieben gelernt hat und wie es mit dem gemeinsamen Kind die Tage auf der Insel verbringt. Doch mit der Zeit werden Schicht um Schicht dieser Oberfläche abgetragen, so dass alles luzid wirkt, bis nichts mehr ist, wie es anfangs schien. Innere Konflikte, elementare zwischenmenschliche und gesellschaftliche Fragen, Zweifel und Ängste treten zu Tage. Dabei wechselt die Erzählperspektive jeweils zwischen den drei Familienmitgliedern. Trotz der reduzierten Handlung und der offensichtlichen Ruhe der Schäreninsel gelingt es Westman, eine vibrierende Spannung aufkommen zu lassen, so dass man das Buch nicht so einfach weglegen kann. (Andrea Grichting)

Elisabeth Taylor: Mrs Palfrey im Claremont

Wer Gefallen findet an feinfühligen Romanen, die leise anklingen, aber doch tiefgründig sind, die im London der 1960er Jahre angesiedelt sind, aber in denen aber doch eher die Werte einer früheren Generation dominieren, der wird «Mrs Palfrey im Claremont» mit Genuss lesen. Die Autorin, nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen Hollywood-Schauspielerin, wurde 1912 geboren und mit dem vorliegenden Roman für den Purlitzerpreis nominiert. Die mangelnde «Weltläufigkeit» wurde ihm bei der Preisverleihung zum Verhängnis.

Im Mittelpunkt steht die verwitwete Laura Palfrey, die das Claremont-Hotel im Londoner Stadtteil South Kensington, das schon bessere Tage erlebt hat, wie andere Gäste auch zu ihrem Alterssitz macht. Und so wird das Hotel zum Schauplatz der Bewohnerinnen und Bewohner, deren Leben an Dynamik eingebüsst hat und vor allem aus Warten auf das Essen, einer Fernsehserie oder eines Besuchs, der sich nicht einstellt, besteht. Und mit dem Einbüssen ihrer körperlichen Möglichkeiten warten sie alle auch auf den nahenden Tod.

Die einzelnen Charaktere werden behutsam herausgearbeitet, scheinbar lächerliche Eigenschaften respekt-, gar liebevoll beschrieben, ihr Verlust in körperlicher aber auch gesellschaftlicher Hinsicht offenbart. Die Autorin lässt viel Raum für Atmosphärisches und Zwischenmenschliches und ist mit einem Roman über (nicht Älterwerden sondern) Altsein ihrer Generation im Jahre 1971 voraus. Die 2021 erschienene Ausgabe mit einer Neuübersetzung lohnt die Lektüre allemal. [Andrea Grichting]

Naomi Novik: Scholomance - Tödliche Lektion

Die Autorin Naomi Novik lässt sich bei ihren Geschichten gerne von osteuropäischen Märchen und Legenden inspirieren. Der Sage nach sei die Scholomance eine Schule der Magie in Rumänien gewesen - und vom Teufel selbst geleitet worden. Novik greift diese Idee auf und setzt sie fantasievoll um: Die Art und Weise, wie sie die Scholomance beschreibt, ist eines der Highlights dieser Geschichte.

Die Scholomance ist ein Internat ohne Lehrer, ohne Ferien, voll mit verwunschenen Artefakten  und bevölkert von tödlichen Monstern. Es gibt nur zwei Wege, um aus der Schule herauszukommen: die Abschlussprüfung oder den Tod. Die Hauptfigur Galadriel, El genannt, besitzt eine mächtige Gabe, auf die sie vertraut, um es bis zur Abschlussprüfung zu schaffen.

Was die Leser*innen im ersten Band dieser Fantasy-Trilogie erwartet: neue Freundschaften, spannende Wendungen und gefährliche Kämpfe mit Monstern. Die Hauptfigur El ist eine starke Heldin, die ihren Prinzipen immer treu bleibt und sich dabei auch nicht scheut, sich Konventionen zu widersetzen. Wer weiteren Heldinnen dieser Art begegnen möchte, sei an Noviks andere Werke Das dunkle Herz des Waldes und Das kalte Reich des Silbers verwiesen. [Alexandra Widmer]

Maria Isabel Sánchez Vegara: Frida Kahlo

Die Reihe «Little People, BIG DREMAS» hat es sich zur Aufgabe gemacht, berühmte Persönlichkeiten aus Kunst, Literatur, Wissenschaft, Sport und Gesellschaft kindergerecht zu porträtieren. Stellvertretend für alle Werke sei hier das Buch zu der mexikanischen Malerin Frida Kahlo vorgestellt.

Auf knapp 30 Seiten werden die wichtigsten Stationen in Kahlos Leben in starken Bildern jeweils doppelseitig festgehalten. Der dazugehörige Text ist höchstens dreizeilig und in grosser Schrift, so dass bereits erste Lesekompetenzen auseichend sind, um dieses Sachbuch eigenständig erfassen zu können. Einzig die letzte Doppelseite mit Lebensdaten in Form eines etwas längeren Texts und einer Handvoll Fotos sind eher Erwachsenen zum Vorlesen oder Erzählen vorbehalten.

Die ganze Reihe, die nun auch auf Deutsch erscheint, erfreut sich auf Grund der einfachen, aber ausdrucksstarken Bildersprache und der interessanten porträtierten Menschen grosser Beliebtheit. [Andrea Grichting]

Lupita Nyong'o: Sulwe

Die Autorin Lupita nyong'o ist vieles: eine in New York lebende Kenianerin, eine Produzentin und oscarprämierte Schauspielerin und schwarz. Daher weiss sie aus eigener Erfahrung um die Selbstzweifel dunkelhäutiger Mädchen, deren Weg zu Selbstliebe oftmals noch holpriger verläuft als andere.

Die Hauptfigur "Sulwe" - ein kleines schwarzes Mädchen - hadert damit, dunkler auszusehen als ihre Eltern und als ihre Schwester.  Sie unternimmt alles Mögliche, um eine hellere Hautfarbe zu bekommen. Erst ein Traum gibt ihr das dringend benötigte Selbstvertrauen, sich so zu nehmen und wertzuschätzen, wie sie ist.

Im Nachwort der Autorin wird nicht nur deutlich, dass die Geschichte autobiografisch ist, sondern dass es vielen dunkelhäutigen Mädchen und Frauen weltweit noch immer ähnlich geht. Dieses Bilderbuch will seinen Teil dazu beitragen, dass sich dies einst ändert. Der Einsatz des Gendersternchens im Text versinnbildlicht die Bedeutung weiblicher Präsenz zusätzlich. Die traumhaft illustrierte Botschaft des Buches ist klar: Wir alle sind schön, wenn wir es nur zulassen. [Andrea Grichting]