Unsere Medientipps: Für Sie gelesen, gehört, geschaut...

Elisabeth Taylor: Mrs Palfrey im Claremont

Wer Gefallen findet an feinfühligen Romanen, die leise anklingen, aber doch tiefgründig sind, die im London der 1960er Jahre angesiedelt sind, aber in denen aber doch eher die Werte einer früheren Generation dominieren, der wird «Mrs Palfrey im Claremont» mit Genuss lesen. Die Autorin, nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen Hollywood-Schauspielerin, wurde 1912 geboren und mit dem vorliegenden Roman für den Purlitzerpreis nominiert. Die mangelnde «Weltläufigkeit» wurde ihm bei der Preisverleihung zum Verhängnis.

Im Mittelpunkt steht die verwitwete Laura Palfrey, die das Claremont-Hotel im Londoner Stadtteil South Kensington, das schon bessere Tage erlebt hat, wie andere Gäste auch zu ihrem Altersitz macht. Und so wird das Hotel zum Schauplatz der Bewohnerinnen und Bewohner, deren Leben an Dynamik eingebüsst hat und vor allem aus Warten auf das Essen, eine Fernsehserie oder einen Besuch, der sich nicht einstellt, besteht. Und mit ihren Gebrechen und körperlichen Einschränkungen warten sie alle auch auf den nahenden Tod.

Die einzelnen Charaktere werden behutsam herausgearbeitet, scheinbar lächerliche Eigenschaften respekt-, gar liebevoll beschrieben, ihr Verlust in körperlicher aber auch gesellschaftlicher Hinsicht offenbart. Die Autorin lässt viel Raum für Atmosphärisches und Zwischenmenschliches und ist mit einem Roman über (nicht Älterwerden sondern) Altsein ihrer Generation im Jahre 1971 voraus. Die 2021 erschienene Ausgabe mit einer Neuübersetzung lohnt die Lektüre allemal. [Andrea Grichting]

Naomi Novik: Scholomance - Tödliche Lektion

Die Autorin Naomi Novik lässt sich bei ihren Geschichten gerne von osteuropäischen Märchen und Legenden inspirieren. Der Sage nach sei die Scholomance eine Schule der Magie in Rumänien gewesen - und vom Teufel selbst geleitet worden. Novik greift diese Idee auf und setzt sie fantasievoll um: Die Art und Weise, wie sie die Scholomance beschreibt, ist eines der Highlights dieser Geschichte.

Die Scholomance ist ein Internat ohne Lehrer, ohne Ferien, voll mit verwunschenen Artefakten  und bevölkert von tödlichen Monstern. Es gibt nur zwei Wege, um aus der Schule herauszukommen: die Abschlussprüfung oder den Tod. Die Hauptfigur Galadriel, El genannt, besitzt eine mächtige Gabe, auf die sie vertraut, um es bis zur Abschlussprüfung zu schaffen.

Was die Leser*innen im ersten Band dieser Fantasy-Trilogie erwartet: neue Freundschaften, spannende Wendungen und gefährliche Kämpfe mit Monstern. Die Hauptfigur El ist eine starke Heldin, die ihren Prinzipen immer treu bleibt und sich dabei auch nicht scheut, sich Konventionen zu widersetzen. Wer weiteren Heldinnen dieser Art begegnen möchte, sei an Noviks andere Werke Das dunkle Herz des Waldes und Das kalte Reich des Silbers verwiesen. [Alexandra Widmer]

Maria Isabel Sánchez Vegara: Frida Kahlo

Die Reihe «Little People, BIG DREMAS» hat es sich zur Aufgabe gemacht, berühmte Persönlichkeiten aus Kunst, Literatur, Wissenschaft, Sport und Gesellschaft kindergerecht zu porträtieren. Stellvertretend für alle Werke sei hier das Buch zu der mexikanischen Malerin Frida Kahlo vorgestellt.

Auf knapp 30 Seiten werden die wichtigsten Stationen in Kahlos Leben in starken Bildern jeweils doppelseitig festgehalten. Der dazugehörige Text ist höchstens dreizeilig und in grosser Schrift, so dass bereits erste Lesekompetenzen auseichend sind, um dieses Sachbuch eigenständig erfassen zu können. Einzig die letzte Doppelseite mit Lebensdaten in Form eines etwas längeren Texts und einer Handvoll Fotos sind eher Erwachsenen zum Vorlesen oder Erzählen vorbehalten.

Die ganze Reihe, die nun auch auf Deutsch erscheint, erfreut sich auf Grund der einfachen, aber ausdrucksstarken Bildersprache und der interessanten porträtierten Menschen grosser Beliebtheit. [Andrea Grichting]

Lupita Nyong'o: Sulwe

Die Autorin Lupita nyong'o ist vieles: eine in New York lebende Kenianerin, eine Produzentin und oscarprämierte Schauspielerin und schwarz. Daher weiss sie aus eigener Erfahrung um die Selbstzweifel dunkelhäutiger Mädchen, deren Weg zu Selbstliebe oftmals noch holpriger verläuft als andere.

Die Hauptfigur "Sulwe" - ein kleines schwarzes Mädchen - hadert damit, dunkler auszusehen als ihre Eltern und als ihre Schwester.  Sie unternimmt alles Mögliche, um eine hellere Hautfarbe zu bekommen. Erst ein Traum gibt ihr das dringend benötigte Selbstvertrauen, sich so zu nehmen und wertzuschätzen, wie sie ist.

Im Nachwort der Autorin wird nicht nur deutlich, dass die Geschichte autobiografisch ist, sondern dass es vielen dunkelhäutigen Mädchen und Frauen weltweit noch immer ähnlich geht. Dieses Bilderbuch will seinen Teil dazu beitragen, dass sich dies einst ändert. Der Einsatz des Gendersternchens im Text versinnbildlicht die Bedeutung weiblicher Präsenz zusätzlich. Die traumhaft illustrierte Botschaft des Buches ist klar: Wir alle sind schön, wenn wir es nur zulassen. [Andrea Grichting]

Siri Pettersen: Eisenwolf

„Eisenwolf“ ist der Auftakt zu einer neuen Reihe der nordischen Fantasy-Autorin Siri Pettersen, die mit der „Rabenringe“-Trilogie international erfolgreich wurde. Der Weltenaufbau von „Eisenwolf“ ist lose verknüpft mit der „Rabenringe“-Trilogie und kann daher unabhängig davon gelesen werden.

Juva ist die älteste Tochter einer der mächtigsten Blutleserinnen der Stadt, hat aber mit dem Geschäft der Familie nichts am Hut und arbeitet stattdessen lieber als Wolfsjägerin. Äussere Umstände zwingen sie, wieder in ihr Elternhaus zurückzukehren. Dort, im Haus ihrer Kindheit, hat sie als Siebenjährige den Teufel, den Eisenwolf, gesehen und dort stösst sie jetzt als junge Erwachsene auch auf ein Geheimnis, dem nicht nur die anderen Blutleserinnen, sondern auch die Vardari, die Ewigwährenden, auf der Spur sind.

Der erste Band der „Vardari“-Reihe folgt einer starken Protagonistin, die sich im Laufe der Geschichte selbst findet. Die Erzählung nimmt dabei zunehmend an Fahrt auf und wirft kontinuierlich neue Fragen auf wie: Existiert der Teufel wirklich oder steht er als Metapher für Juvas Trauma?

Besonders Jugendliche, die es düster und leicht gruselig mögen und ausserdem gerne Mittelalter-Fantasy lesen, werden Gefallen an dem Buch finden und mit Spannung den zweiten Band erwarten. Wem die über 500 Seiten allenfalls zu lang sind, der sei an das entsprechende Hörbuch verwiesen. [Alexandra Widmer]

Luca Ventura: Bittersüsse Zitronen. Der Capri-Krimi

Nach «Mitten im August» ist dies der zweite Fall für den jungen Inselpolizisten Enrico Rizzi, den er mit seiner norditalienischen Kollegin Antonia Cirillo auf Capri und in Sorrent zu lösen hat. Diesmal ermittelt er auf der Zitronenplantage der Familie Constantini, deren Früchte rentabel von den Bellinis zu Limoncello verarbeitet werden. Der Unfalltod von Elisa Constantini in einer regnerischen Nacht wirft allerhand Fragen auf. Rizzi, der auf «seiner» Insel alle Beteiligten persönlich kennt und damit nicht ganz unparteiisch ist, versucht Licht in die Beziehungen der verschiedenen Familienmitglieder zu bringen.

Der Krimi mit viel Lokalkolorit ist die richtige Ferienlektüre für diesen Sommer. «Italianità» vermitteln Beschreibungen der Gegend sowie der sozialen und kulinarischen Gepflogenheiten. Dass Rizzi mit seiner Sonnenbrille, seinen Locken und seiner leicht selbstgefälligen Art auf Cirillo mitunter unerträglich machohaft wirkt, passt dabei ebenso ins Bild wie die dauernde Sorge insbesondere des Inspektors, dass Gerüchte im Allgemeinen und ein Mordfall im Besonderen schlecht für das Image der Touristeninsel sind.

Dass einige Figuren manchmal etwas klicheehaft reagieren – Rizzis Vorgesetzten würde man sich etwas glaubhafter wünschen – tut dem Roman keinen Abbruch. Umso erfrischender wirken dafür Bilder, die nicht der Postkartenidylle entsprechen: Beschreibungen Capris bei schlechtem Wetter am Ende der Touristensaison oder die miserable Situation der saisonalen Zitronenpflücker. Ventura (übrigens ein Pseudonym) bringt damit auch eine politische Komponente ins Spiel, wie er es in seinem Vorgängerroman «Mitten im August» mit dem desolaten Zustand der Weltmeere auch schon getan hat. [Andrea Grichting]

Cordula Thörner; Horst Hellmeier: Von Mozart bis Malala. Faszinierende Persönlichkeiten, die jeder kennen sollte

Mit diesem Sachbuch für Jugendliche ist Cordula Thörner und Horst Hellmeier ein ganz besonderer Wurf gelungen. Auf drei bis sechs Seiten Text wird jeweils eine Persönlichkeit vorgestellt, die «Spuren hinterlassen» und «etwas für andere bewirkt haben» (Vorwort, S. 3). Dabei wird der Text jeweils nicht nur von Bildern begleitet, die an einen Comic erinnern und damit besonders ansprechend wirken. Schwierige Wörter werden zusätzlich kurz erklärt, zum Beispiel «Anatomie», die «UNO», «Pädagogik» oder die «Nationalsozialisten». Spannend macht es auch der Aufbau: die einzelnen Personen werden in der Beschreibung nicht aufgelöst, sondern erhalten im letzten Teil des Buches noch einmal ein, zwei Seiten, in denen sie mit weiteren wenigen Infos und ihren Lebensdaten beschrieben werden. Insofern ist es stimmig, dass es kein Inhaltsverzeichnis gibt, das die jeweilige «Lösung» zu früh verraten würde.

Dem Sachbuch ist es gelungen, nicht belehrend zu wirken, sondern mit altersgemässen Formulierungen und einer ebensolchen Bildsprache zu arbeiten. Auch die Auswahl der Figuren verhilft dem Buch, den Jugendlichen auf Augenhöhe zu begegnen: Persönlichkeiten aus Politik oder Kunst sind ebenso vertreten wie Comicfiguren oder Jugendliche, die bereits heute unvorstellbar Grosses geleistet haben.

Wer alles in diesem Buch vorgestellt wird? Unmöglich, etwas davon an dieser Stelle zu verraten. Das müssen junge wissbegierige Leserinnen und Leser schon selbst herausfinden, denn das würde den ganzen Rate- und Lesespass verderben. [Andrea Grichting]

Mélanie Dupuis: Das kleine Handbuch der Tartes & Torten

Es gibt Kochbücher, die erinnern mit ihrer Aufmachung und Bildauswahl fast wehmütig an Grossmutters unübertroffene Backrezepte. Andere wiederum überzeugen mit einem modernen, frischen Layout. "Das kleine Handbuch der Tartes und Torten" vereint von beidem das Beste. Auf 140 Seiten verteilen sich klar strukturiert drei Kapitel, wobei dem zweiten unter dem Titel "Tartes und Torten" zu Recht der grösste Platz gewidmet wird. Davor werden in den Grundlagen die Zubereitung der Teige, Cremes, Ganaches und Karamell, Baisermassen, Sahne und Mousses und Glasuren beschrieben. Den Abschluss bildet das illustrierte Glossar.

Allen drei Kapiteln ist aber etwas gemeinsam, das das vorliegende Kochbuch zu etwas Besonderem macht: die puristischen Fotos und die ästhetischen Illustrationen. Die Bilder liefern eine gute Vorlage, aus welchen Schichten das süsse Bachwerk im Querschnitt besteht. Die Fotografien halten dafür die einzelnen Arbeitsschritte, Zutaten sowie das Endergebnis fest, so dass auch herausfordernde kulinarische Backwerke leichter nachgebacken werden können.

Aber auch wenn die Darstellung noch so ansprechend gestaltet wurde, geht es doch am Ende vor allem um die Rezepte. Und diese hinken keinesfalls dem schönen Layout hinterher: die Pistazientarte mit Shortbreadboden und Mandelcrème lässt einem ebenso das Wasser im Mund zusammenlaufen wie der Himbeer-Savarin mit Mascarponesahne auf Zuckerteig und 500g frischen Himbeeren oder die bretonische Feigentarte auf ebensolchem Mürbeteig und Konditorcrème. Nachbacken dringend empfohlen! [Andrea Grichting]